Die zwölf Divergenten Meridiane
Die zwölf Divergenten Meridiane: die tiefen Verbindungskanäle
Die zwölf Divergenten Meridiane — auch Jing Bie genannt — sind ein weniger bekannter, aber klinisch wichtiger Bestandteil des Meridiansystems. Sie entspringen aus den Hauptmeridianen, tauchen tief in den Körper ein, verbinden die gekoppelten Yin- und Yang-Organe miteinander und leiten überschüssige pathogene Energie wieder zur Oberfläche. Sie sind die tiefen Verbindungskanäle, die den Zusammenhalt des Meridiansystems sichern.
Ursprung und Verlauf
Jeder Divergente Meridian entspringt aus seinem zugehörigen Hauptmeridian — stets in der Nähe eines großen Gelenks: Knie, Hüfte oder Schulter. Von dort ziehen sie tief in den Körper, erreichen das zugehörige innere Organ und steigen anschließend wieder zum Kopf oder Gesicht auf, wo sie in einen Yang-Meridian münden. Die Divergenten Meridiane besitzen keine eigenen spezifischen Akupunkturpunkte — sie werden über die Punkte der zugehörigen Hauptmeridiane behandelt.
Die vier Funktionen
Die Divergenten Meridiane erfüllen vier wichtige Funktionen. Erstens stärken sie die Beziehung zwischen den gekoppelten Yin- und Yang-Meridianen und Organen — sie bilden eine direkte Verbindung zwischen dem Yin-Organ und dem Yang-Organ desselben Elements. Zweitens transportieren sie Qi und Blut zum Kopf und Gesicht — dies erklärt, warum Punkte an den Extremitäten auf Erkrankungen des Kopfes und der Sinnesorgane wirken können. Drittens integrieren sie Bereiche des Körpers, die von den Hauptmeridianen nicht erreicht werden — sie füllen die "weißen Flecken" auf der Meridiankarte. Viertens helfen sie, klinische Reaktionen häufig verwendeter Akupunkturpunkte zu erklären — warum ein Punkt am Bein auf die Augen wirkt oder ein Punkt am Arm auf das Herz.
Klinische Bedeutung
Die Divergenten Meridiane spielen eine besondere Rolle bei chronischen, schweren oder tief verwurzelten Erkrankungen. Wenn sich ein Pathogen tief im Körper festgesetzt hat — jenseits der Hauptmeridiane und Luo-Meridiane — erreichen die Divergenten Meridiane es und können es angemessen beeinflussen. Sie sind auch relevant, wenn eine Erkrankung beide Organe eines Paares betrifft: sowohl das Yin- als auch das Yang-Organ. In der klassischen Akupunktur gelten sie als tiefere Behandlungsebene als die Luo-Meridiane, jedoch als weniger tief als die Außerordentlichen Meridiane.