Die Körperflüssigkeiten
Die Körperflüssigkeiten (Jin Ye): die Feuchtigkeit, die den Körper lebendig hält
Neben Qi, Blut, Jing und Shen bilden die Körperflüssigkeiten die fünfte große Kategorie der vitalen Substanzen in der Traditionellen Chinesischen Medizin. Sie sind weniger bekannt als die anderen Substanzen, erfüllen jedoch unverzichtbare Aufgaben: Sie befeuchten, schmieren, nähren und schützen jedes Gewebe und Organ des Körpers. Ohne ausreichende Körperflüssigkeiten trocknet der Körper gewissermaßen von innen aus, mit Folgen, die von trockener Haut bis zu schwerwiegenderen pathologischen Mustern reichen können.
Was sind die Körperflüssigkeiten?
Die Körperflüssigkeiten werden im Chinesischen Jin Ye genannt und umfassen alle Körperflüssigkeiten außer Blut. Dazu gehören Schweiß, Tränen, Speichel, Magensäfte, Gelenkflüssigkeit, Urin sowie seröse und lymphatische Flüssigkeiten. Es handelt sich somit um eine breite Kategorie aller flüssigen und nährenden Substanzen des Körpers, die nicht zum Blut gehören.
Der Begriff "Jin Ye" setzt sich aus zwei chinesischen Schriftzeichen zusammen. Jin bezeichnet etwas Flüssiges, Feuchtes oder Speichelartiges und steht für die leichteren und oberflächlicheren Flüssigkeiten. Ye bezeichnet insbesondere die Flüssigkeiten lebender Organismen und steht für tiefere und stärker nährende Flüssigkeiten. Gemeinsam beschreiben Jin und Ye das gesamte Spektrum der Körperflüssigkeiten.
Jin und Ye: zwei unterschiedliche Qualitäten
Innerhalb der Jin Ye unterscheidet die TCM zwei Arten von Flüssigkeiten. Jin-Flüssigkeiten sind leichter, dünner und oberflächlicher. Sie zirkulieren vor allem an der Körperoberfläche, in Haut, Muskeln und Poren, befeuchten die Oberfläche und tragen zur Regulierung des Schwitzens bei. Sie werden leichter verbraucht, können aber auch leichter wieder ergänzt werden.
Ye-Flüssigkeiten sind schwerer, dickflüssiger und tiefer gelegen. Sie befinden sich unter anderem in Gelenken, Rückenmark, Gehirn und inneren Organen. Sie schmieren die Gelenke, nähren Mark und Gehirn und befeuchten die Sinnesorgane. Sie werden langsamer verbraucht, sind jedoch schwieriger wieder aufzufüllen, weshalb ihre Erschöpfung schwerwiegendere Folgen haben kann.
Pathologie: drei Disharmoniemuster
Geraten die Körperflüssigkeiten aus dem Gleichgewicht, unterscheidet die TCM drei Hauptmuster. Das erste ist Flüssigkeitsmangel: Es stehen nicht genügend Flüssigkeiten zur Verfügung, um den Körper ausreichend zu befeuchten. Typische Zeichen sind trockene Haut, trockener Mund, trockene Lippen, trockener Husten ohne Auswurf und eine rote Zunge ohne Belag. Flüssigkeitsmangel kann durch Fieber, übermäßiges Schwitzen, chronische Erkrankung, eine sehr heiße oder trockene Umgebung oder übermäßigen Gebrauch erwärmender Kräuter entstehen.
Das zweite Muster ist Ödem, also die Ansammlung von Flüssigkeit an Orten, an denen sie sich nicht ansammeln sollte. Typisch ist ein eindrückbares Ödem: Wird mit dem Finger auf die Schwellung gedrückt, bleibt für einige Sekunden eine Delle zurück. In der TCM wird Ödem häufig mit Yang-Mangel von Milz, Lunge oder Nieren verbunden. Diese Organe sind an Transformation, Transport und Regulation der Flüssigkeiten beteiligt. Funktionieren sie unzureichend, können Flüssigkeiten stagnieren und sich ansammeln.
Das dritte Muster ist Schleim beziehungsweise Phlegm, eine der häufigsten und klinisch wichtigsten pathologischen Substanzen in der TCM. Schleim entsteht, wenn Flüssigkeiten nicht ausreichend transformiert werden und sich zu einer klebrigen, verdickten und blockierenden Substanz entwickeln. Er zeigt sich nicht nur als sichtbarer Schleim in den Atemwegen, sondern kann nach der TCM auch mit Knoten, Zysten, Schwellungen und bestimmten geistigen Störungen verbunden sein, wenn Schleim das Herz blockiert. Die häufigste zugrunde liegende Ursache ist Milz-Mangel: Kann die Milz Flüssigkeiten nicht richtig transformieren, können diese sich ansammeln und zu Schleim werden.
Fazit
Die Körperflüssigkeiten sind die stillen Arbeiter des menschlichen Körpers. Sie erscheinen weniger spektakulär als Qi oder Shen, sind aber ebenso unverzichtbar. Wer Jin Ye versteht, erhält einen wichtigen Zugang zum Verständnis von Trockenheit, Flüssigkeitsansammlungen, Ödemen und Schleim in der TCM und damit ein wertvolles diagnostisches Instrument für zahlreiche klinische Beschwerden.